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Sehr geehrte Damen und Herren,

hier ist Ihr Emissionsbrief 02-2026, der Siepraxisnah über den EU-Emissionshandel (EU-ETS 1/EU-ETS 2) und den nationalen Brennstoffemissionshandel (nEHS) informiert. Erfahren Sie alles Wichtige rund um das Thema Monitoring und Berichtswesen im EU-ETS 1 und nEHS/EU-ETS 2, den börslichen und bilateralen CO₂-Handel und vieles mehr.

Politische Unsicherheit überschattet den Emissionshandel

Noch im April des vergangenen Jahres – kurz vor seinem Amtsantritt als Bundeskanzler – sagte Friedrich Merz in einem Interview, CO₂ werde „teurer, teurer, teurer“. Die Botschaft war klar: Der Emissionshandel wird als zentrales Klimaschutzinstrument beibehalten und Investitionen in klimafreundliche Technologien werden somit vor allem mittels Preisdrucks realisiert.

Gut neun Monate später klingt es anders. Merz plädiert dafür, den Emissionshandel „zu revidieren oder zu verschieben“. Eine bemerkenswerte Kehrtwende. Für Marktteilnehmer stellt sich die Frage: Taktische Intervention? Politisches Signal an die Industrie? Oder Ausdruck einer echten, grundsätzlichen Neubewertung?

Fest steht: Kurz nach Merz‘ Aussagen gab der Preis für EU-Emissionsberechtigungen (EUA) an der Intercontinental Exchange (ICE) deutlich nach – um rund 20 Euro pro Zertifikat innerhalb weniger Wochen. Ein massiver Rückgang, der bei energie- und CO₂-intensiven Unternehmen unmittelbar spürbar ist. Auch wenn wir bereits am 10.12.2025 auf dieses mögliche Szenario hingewiesen haben, ist die Deutlichkeit und Schnelligkeit doch überraschend.

Kurzfristig betrachtet handelt es sich für die betroffenen Unternehmen um eine Entlastung – langfristig betrachtet möglicherweise um einen Vertrauensschaden. Denn der CO₂-Markt reagiert sensibel auf politische Signale. Das weiß auch Merz, weswegen er im Podcast „Machtwechsel“ wenige Tage später wiederum die zentrale Bedeutung des Emissionshandels für die Zukunft betonte – dessen Reformbedarf er aber erneut unterstrich. 

EU-ETS 1: Industrielobby wurde gehört

Auch auf europäischer Ebene bewegt sich Entscheidendes. Nach monatelangem Ringen zeigt sich die EU-Kommission bereit, die Zuteilungsregeln im EU-Emissionshandelssystem zu überdenken.

Konkret geht es um die kostenlose Zuteilung von Emissionszertifikaten für Industrieanlagen, vermutlich in speziellen Branchen. Ursprünglich war vorgesehen, diese parallel zur Einführung des CO₂-Grenzausgleichsmechanismus – dem Carbon Border Adjustment Mechanism (CBAM) – bis 2034 schrittweise auslaufen zu lassen (mit Beginn der Reduktion ab 2026). Ziel war es, Doppelbegünstigungen zu vermeiden und das System stringenter zu machen.

Der CBAM schirmt zwar den EU-Binnenmarkt ab, benachteiligt jedoch exportstarke Industrien. Denn diese müssen ohne den Schutz kostenloser Zuteilungen einen CO₂-Preis weit über dem internationalen Durchschnitt bezahlen – mit der Folge, dass insbesondere die deutsche Chemieindustrie international ins Hintertreffen gerät. Eine Korrektur ist hier längst überfällig.

Nun deutet vieles darauf hin, dass die kostenlose Zuteilung länger gewährt werden könnte als bislang geplant. Die Argumente der Industrie – Carbon Leakage, internationale Wettbewerbsfähigkeit, Deindustrialisierungsrisiken – zeigen Wirkung.

Eine „grüne Industrie“, die nur deshalb emissionsarm ist, weil Produktion ins Ausland verlagert wurde, hilft weder dem Klima noch dem Standort Europa. Gleichzeitig stellt sich jedoch die Frage, welchen Preis diese erneute politische Öffnung des Systems hat.

Rückschlag-Szenarien möglich

Es ist nicht ausgeschlossen, dass man sich am Ende für noch rabiatere Methoden entscheidet, um den Emissionshandel abzuschwächen. Aussagen mehrerer hochrangiger Politiker – unter anderem des tschechischen Premierministers Andrej Babis und des französischen Präsidenten Emmanuel Macron – deuten darauf hin, dass man sich ein deutlich niedrigeres Preisniveau am EUA-Markt wünscht, als dies bislang der Fall ist: Diskutiert wird ein Preis von 30-40 Euro pro Zertifikat.

Möglichkeiten, dies zu erreichen, gibt es einige. Zum Beispiel könnte die EU eine Anpassung der Marktstabilitätsreserve beschließen, um Preise gezielt zu senken, sobald ein bestimmtes Preisniveau überschritten wird. Eine weitere Möglichkeit wäre es, den Markt mit zusätzlichen kostenlosen Zertifikaten zu fluten – entsprechende Forderungen gab es bereits in der Vergangenheit.

Welche Position sich am Ende durchsetzt und wie weit die Politiker zu gehen bereit sind, um ihr angestrebtes Preisniveau am EUA-Markt zu verwirklichen, bleibt ungewiss.

Legislativvorschlag im Sommer – Unsicherheit für Monate

Im Juli wird ein konkreter Legislativvorschlag der EU-Kommission erwartet. Danach beginnt das übliche politische Verfahren: Rat und Parlament müssen zustimmen, Änderungsanträge werden eingebracht, Kompromisse gesucht. Realistisch betrachtet sprechen wir hier von einem langwidrigen Prozess. Und niemand kann heute seriös prognostizieren, wie das endgültige Ergebnis aussehen wird.

Brisant ist dabei der zeitliche Ablauf:

  • Bereits im Juni steht die nächste Zuteilungsentscheidung für die Handelsperiode ab 2026 an.
  • Diese Mengen könnten jedoch – abhängig vom politischen Ausgang –  später erneut angepasst werden.

Für die Praxis bedeutet das: Unternehmen treffen Investitionsentscheidungen auf Basis von Rahmenbedingungen, die sich womöglich in kurzer Zeit wieder ändern – Planungssicherheit sieht anders aus. Gerade für energieintensive Industrie, die Transformationsprojekte mit Investitionshorizonten von zehn, fünfzehn oder mehr Jahren plant, ist regulatorische Verlässlichkeit kein Luxus, sondern Voraussetzung.

EU-ETS 2, nationales System und die Frage nach dem „Verschieben“

Unklar bleibt zudem, welchen Emissionshandel der Bundeskanzler konkret „verschieben“ möchte. Das bestehende europäische System für Industrie und Energie – also das EU-ETS 1 – ist seit 2005 in Kraft. Eine Verschiebung ist hier systemisch nicht möglich, sondern allenfalls eine Änderung der Ausgestaltung.

Daneben steht das neue EU-Emissionshandelssystem 2 für die Bereiche Gebäude und Straßenverkehr, dessen operativer Start bereits zum aktuellen Stand auf 2028 verschoben werden soll. Die rechtlichen Grundlagen für die Verschiebung sind mittlerweile geklärt. Einzelne Mitgliedstaaten – darunter Polen – fordern zwar eine weitergehende Verschiebung bis 2030. Politisch durchgesetzt ist dies bislang jedoch nicht.

Für Deutschland macht eine Verschiebung des EU-ETS 2 wenig Sinn, da hierzulande durch das nationale Emissionshandelssystem (nEHS) bereits seit 2021 ein CO₂-Preis für die Bereiche Gebäude und Straßenverkehr erhoben wird. Die Preise im nEHS liegen zudem bereits heute über dem zu erwartenden Einstiegspreis des EU-ETS 2. Eine weitere Verschiebung des europäischen Systems würde also vorrangig zu einer Benachteiligung deutscher Unternehmen führen.

Die zunehmende Politisierung des CO₂-Marktes

Der Emissionshandel war lange Zeit ein stark technokratisch geprägtes Instrument. Seit einigen Jahren nimmt jedoch die politische Einflussnahme spürbar zu. Preisentwicklungen werden öffentlich diskutiert, soziale Auswirkungen betont, industriepolitische Erwägungen in den Vordergrund gestellt.

Diese Politisierung hat zwei Effekte:

  1. Kurzfristige Preissensitivität gegenüber politischen Aussagen
  2. Strukturelle Unsicherheit über langfristige Rahmenbedingungen

Für Marktteilnehmer bedeutet das unter anderem höhere Volatilität. Politische Signale wirken direkt auf Preisbildung, Absicherungsstrategien und Bilanzplanung.

Wem nützt die aktuelle Entwicklung?

Kurzfristig profitieren jene Unternehmen, die Zertifikate beschaffen müssen und ihre Positionen noch nicht vollständig abgesichert haben. Ein Preisrückgang von rund 20 €/EUA ist operativ relevant. Unternehmen, die Ihre Positionen bereits in Q4 2025 abgesichert haben, sind zumindest kurzfristig die großen Verlierer. 

Langfristig profitieren jedoch nur jene, die trotz politischer Turbulenzen strategisch handlungsfähig bleiben. Besonders schwierig ist die Lage für Unternehmen, bei denen sich am Ende regulatorisch wenig ändert – die aber mehrere Jahre unter Unsicherheit investieren und planen müssen. Für sie bedeutet die politische Debatte vor allem eines: Stillstand auf Zeit.

Fazit: Entlastung heute – Unsicherheit morgen

Sollte das Ziel der jüngsten politischen Aussagen gewesen sein, den Markt kurzfristig zu beruhigen und die Industrie preislich direkt zu entlasten, dann war das – zumindest temporär – erfolgreich. Ein Preisrückgang von rund 20 €/EUA ist keine Kleinigkeit.

Die offene Frage bleibt jedoch: Welchen Preis zahlt das System für diese Unsicherheit?

Der Emissionshandel lebt von Verlässlichkeit und Vertrauen in die regulatorische Linie. Je stärker er zum Gegenstand politischer Tagesdebatten wird, desto höher dürfte die Volatilität ausfallen. Vergangene Fehlentscheidungen dürfen und müssen korrigiert werden, wenn sie heute negative Wirkungen entfalten. Pauschale Kritik und eine über lange Zeit andauernde Unsicherheit wirken jedoch als erhebliche Investitions- und Entscheidungsbremse.

Für CO₂-intensive Unternehmen bedeutet das:

  • Absicherungsstrategien regelmäßig überprüfen
  • regulatorische Entwicklungen eng begleiten
  • Szenarioanalysen nicht nur preis-, sondern auch strukturbezogen denken

Eines scheint derzeit sicher: Der CO₂-Markt bleibt politisch – und damit schwankungsanfällig.

Und genau darauf sollte man vorbereitet sein.